Ich will sehen.

24. Juli 2025

|

Dominik

Story time: Ich war mal in einem Projekt, in dem wir einen Auftraggeber der öffentlichen Hand bei der Auswahl und Einführung einer Datenplattform unterstützt haben. Eine Datenplattform, bzw. die Art Datenplattform, um die es hier ging, ist ein Softwareprodukt, bei dem Nutzer:innen Daten unterschiedlichster Art bereitstellen und andere Nutzer:innen diese über verschiedene Wege beziehen und nutzen können. Beschaffungen bei der öffentlichen Hand sind immer mit viel Prozess verbunden: es muss ein Leistungsverzeichnis erstellt (was soll das Produkt alles können?), ein Vergabeverfahren definiert, entsprechende Vergabeunterlagen erstellt, ein Bewertungsbogen mit definierter Punktevergabe erstellt und das Verfahren dann mit entsprechenden Fristen durchgeführt werden. Uff, 🥵. Als Teil des Vergabeverfahrens gab es zunächst einen Selbsteinschätzungsbogen, bei dem die Anbieter solcher Lösungen ihr Produkt hinsichtlich der Erfüllung der im Leistungsverzeichnis definierten Funktionen bewerten sollten: Ist voll abgedeckt, ist teilweise abgedeckt, kann die Lösung nicht. Und um uns einen besseren Eindruck zu verschaffen, haben wir die in Frage kommenden Anbieter dann noch für ein persönliches Gespräch mit Präsentation und Demo des Produktes eingeladen. Und natürlich ist nicht zu überschätzen, wie aufschlussreich und wertvoll ein solches Treffen mit Demo im Vergleich zu einer „Selbstauskunft“ ist. Aber um meinen eigentlichen Punkt zu machen, möchte ich Euch beispielhaft einen Dialog nacherzählen, der sinngemäß in dieser Weise mehrfach bei diesen Treffen stattgefunden hat.

  • Wir: „Ok, kommen wir zum nächsten. Wir brauchen ja die Funktionalität XY. Da hatten Sie ja „teilweise abgedeckt“ angekreuzt. Kann ihr System das?“
  • Anbieter: „Ja, das geht mit unserem System, kein Problem.“
  • Wir: „Ok, super. Zeigen Sie doch bitte mal wie.“
  • Anbieter: „Ah, ach so, das müssen wir dann noch einbauen. Aber das geht ja. Machen wir dann noch 😇.“
  • Wir: 🧐

Da hat er geblufft. Aber wir wollten eben sehen.

Typische Strategie

Zwei Punkte sind hier spannend:

Erstens: Ich weiß nicht, wie oft ich schon gehört habe: „Ja, das geht.“ oder „Ja, das können wir.“ Gemeint (aber nicht gesagt) war aber: „Ja, das kann man einbauen“. Und natürlich kann man das einbauen. Prinzipiell kann man alles einbauen. Aber eben nur, wenn man die ökonomische Perspektive völlig außer Acht lässt. Dass man es prinzipiell tun kann, ist aber überhaupt nicht gleichbedeutend mit der Frage, ob man es in akzeptabler Zeit und zu akzeptablen Kosten tun kann. Unter Berücksichtigung dieser Perspektive werden aber bestimmte Vorhaben aus praktischen Erwägungen irrational und faktisch unmöglich. Ich werde aus einer Brücke kein Wohnhaus bauen, auch wenn ich das mit unbegrenzten Ressourcen im Prinzip tun könnte. In der gleichen Weise werde ich nicht jedes beliebige Feature in mein System einbauen können. Oder die Architektur von Grund auf umbauen. Und wenn doch, dann eben nur mit entsprechenden Investitionen. Wäre nicht das erste Vorhaben, das aus diesen Gründen eingestampft worden ist.

Mein Hauptpunkt ist aber der folgende: Hier hat jemand absichtlich die Wahrheit gedehnt, um in der Situation vermeintlich gut auszusehen und den Auftrag zu bekommen. Man könnte jetzt behaupten, dass diese Situation außergewöhnlich war, aber das ist nach meiner Erfahrung überhaupt keine Ausnahme. Und schon gar nicht kommt so etwas nur in Situationen vor, in denen es um eine Auftragsvergabe geht, Viele Leute kommunizieren in den verschiedensten Situationen sehr bestimmt und gleichzeitig (absichtlich) unpräzise, weil sie sich in der Diskussion einen Vorteil davon erhoffen. „Ist ja nicht gelogen!“ Ich will hier keine moralische Bewertung vornehmen; auch wenn ich das persönlich vielleicht nicht gut finde und so auch nicht spielen würde, gehört „geschickte“ Kommunikation sicherlich zu einem gewissen Grad zum Geschäft. Die Frage ist aber, wie gehen wir damit um, damit wir in der Sache möglichst gut vorankommen?

Den Bluff callen

Die meines Erachtens erfolgsversprechendste Strategie um damit umzugehen, ist auf einen Satz reduziert der folgende:

Ich will sehen. 

Denn nur so kann man wirklich herausfinden, welches Blatt der andere auf der Hand hat. Sprechen und diskutieren kann man nämlich viel, aber ein realistisches Bild davon, was tatsächlich da ist, bekomme ich nur, wenn ich wirklich reinschaue. Konkret und im Detail.

Ich will damit gar nicht sagen, dass man unfreundlich oder feindselig gegenüber anderen agieren sollte. Für „Ich will sehen.“ wählt man in der Anwendung besser eine kommunalere Formulierung wie „Kannst Du mir das mal zeigen?“ oder „Kann ich da mal reinschauen?“. Wir wollen ja konstruktiv und respektvoll mit anderen zusammenarbeiten.

Auch möchte ich damit nicht unterstellen, dass jede:r ständig nur Schönfärberei betreibt und unehrlich kommuniziert. Aber auch in Situationen, in denen der Gegenüber die Sachverhalte nach besten Intentionen erklärt, hilft „Ich will sehen“ ungemein, um die Dinge zu konkretisieren und schnell ein eigenes Verständnis aufzubauen.

Wenn man dann die Möglichkeit hat, reinzuschauen, sollte man sich auch nicht zu schnell zufrieden geben. Das Ziel ist es, einen Grad von Verständnis aufzubauen, der es erlaubt, sich (zumindest in den Grundzügen) möglichst gut vorstellen zu können, wie die Dinge, um die es geht, funktionieren. Solange man das nicht hat, fragt man und schaut weiter rein.

Den Einsatz mitgehen

Wie beim Poker ist „Sehen wollen“ nicht kostenlos. Beim Poker muss man den Einsatz, den der andere gelegt hat, mitgehen. In Projekten, bei Diskussionen muss man Zeit und Aufwand investieren, um sich die Dinge im Detail anzuschauen. Ob es sinnvoll ist, das zu investieren, ist eine Abwägung in der konkreten Situation: Wichtigkeit, Kritikalität, notwendige Konfidenz, usw. sind Faktoren, die man berücksichtigen sollte. Im Endeffekt ist es einfach eine Risikoabschätzung: Wahrscheinlichkeit und Auswirkungskritikalität. Was ist, wenn ich nicht sehen will? Wird es teuer, wenn etwas schief geht? Dann will ich sehen.

Ob es sich aber wirklich auszahlt, weiß man leider nur hinterher. Meine praktische Erfahrung sagt aber, dass es sich viel öfter lohnt, sehen zu wollen, als dass man unnötig Zeit investiert hat. (Beim Poker ist das wahrscheinlich nicht so 😉) Und meistens ist die Investition auch nicht so groß, wie man initial denkt. Häufig kann man sich sehr schnell ein recht gut verlässliches Bild davon verschaffen, was tatsächlich da ist und in welchem Zustand es sich befindet.

„Ich will sehen“ eignet sich nicht nur für Situationen, wie ich sie oben beispielhaft beschrieben habe, wo es darum geht, herauszufinden, was ein Softwareprodukt tatsächlich als Features mitbringt. „Ich will sehen“ ist in den verschiedensten Situationen im Projektalltag unglaublich hilfreich, um herauszufinden, wo wir aktuell tatsächlich stehen und wie das System tatsächlich funktioniert.

Beispiel:

  • „Gibt es dafür ein Konzept?“
  • „Ja, da haben wir uns was überlegt.“
  • „Super, kann ich das mal lesen?“
  • „Das haben wir nur diskutiert, das können wir aber noch aufschreiben.“

Also kein Konzept. Was nicht aufgeschrieben ist, existiert nicht.

Oder so:

  • „Ist das schon umgesetzt?“
  • „Ja, habe ich gebaut. Ist fertig.“
  • „Kannst Du mal zeigen?“
  • „Ah, ich muss nur noch ein paar Tests fertig machen, Review und dann deployen. Dann kann ich es Dir zeigen.“

Also nicht fertig.

Noch eins?

  • „Der ganze Geschäftsprozess läuft komplett durch.“
  • „Super, zeig mal bitte, wie die Oberfläche für diese Nutzerin aussieht und was die damit machen kann.“
  • „Ah ja, ne. Die haben wir erstmal außen vor gelassen. Die kommt dann später.“
  • „Ok. Und habt den Sonderfall auch berücksichtigt?“
  • „Ne, wir wollten erstmal, dass der Happy Path durchläuft.“

Ok, also nicht der ganze Geschäftsprozess.

Das ist nicht künstlich und auch nicht übertrieben, sondern das sind alles Beispiele für Situationen, die ich in Projekten genau so erlebt habe. Häufig. Und ich weiß, dass hier in den meisten Fällen kein böser Wille die treibende Kraft war. Aber in den Projekten hilft es auch nicht, Dinge schöner aussehen zu lassen als sie sind, auch wenn das vielleicht menschlich ist. Im Projekt brauchen wir eine ehrliche Kommunikation und ein gemeinsames Bild davon, wo wir stehen und was alles noch zu tun ist. Und daran müssen wir kontinuierlich gemeinsam arbeiten.

Fazit

„Ich will sehen“ hat sich bei Full Flamingo schon vor langer Zeit als Leitsatz etabliert und wir wenden das ganz regelmäßig in unserer täglichen Arbeit in den Projekten an. Wir haben schon häufig gehört: „So genau wollte es aber noch keiner wissen“, auch, wenn wir noch gar keine Tiefenbohrung vorgenommen haben. Aber wir fahren extrem gut damit, uns so schnell ein gutes Verständnis vom Big Picture zu erschließen, sowie Sachverhalte im Detail zu verstehen. Und das können wir nur jedem empfehlen.

Dominik

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert