Was für nahezu alle anderen Vorhaben gilt, trifft auch auf Creativity & Innovation Workshops zu: Je klarer das Ziel definiert ist, desto besser kann das Ziel erreicht werden. Das gilt nicht nur im Business, sondern auch in allen anderen Lebenslagen. Leider halten sich viele nicht daran. Vor allem im Business. Es wird irgendwie drauf los gemacht, ohne größeren Plan. Schlimmstenfalls wird das Fehlen eines klaren Ziels und eines strukturierten Vorgehens sogar noch als „moderne Methodik“ verkauft. „Das macht man heute so.“ „Wir wollen das so.“ „Das ist genau so von uns gewünscht.“ Wenn es dann sogar noch um Situationen geht, in denen man kreativ und innovativ werden soll, dann wird erst recht leider gerne einfach mal drauf los „gebrainstormt“. In solchen Workshops oder Sessions haben Mitarbeiter:innen zwar vielleicht eine gute Zeit, aber gute Ergebnisse sind so reiner Zufall.
Wie alle anderen Vorhaben profitiert auch das Erschaffen kreativer und innovativer Ideen in einem Workshop von einem guten Konzept und einem Vorgehen mit klarer Struktur. Auch Kreativität und Innovation kann „engineered“ werden. Oder zumindest forciert. Damit das möglich wird, muss aber zunächst das Ziel des Workshops klar sein. Wir erheben daher vor jedem unserer Workshops die Erwartungen unserer Auftraggeber an einen Creativity & Innovation Workshop. Selbstverständlich muss hierzu erst einmal geklärt werden, für welches Problem oder welche Herausforderung innovative Ideen entwickelt werden sollen. Darauf möchte ich hier im Rahmen dieses Beitrags aber gar nicht näher eingehen. Denn selbst wenn das Problem sauber definiert ist, muss noch geklärt werden, was genau aus dem konkret anstehenden Workshop am Ende herauskommen soll. Wichtig ist, dass keine konkreten inhaltlichen Ergebnisse als Erwartungshaltung vorgegeben werden. Das ist schließlich die Aufgabe der Teilnehmer:innen. Es geht vielmehr um die Erwartungen an die Art der Ergebnisse und deren Umfang. Wir fragen daher immer nach der Erwartungshaltung für die folgenden Punkte:
- Anzahl der Ideen?
- Detailgrad der Ideen?
- Erlaubter „Level of Craziness“?
- Wirtschaftliche Aspekte berücksichtigen?
- Hidden Agendas?
Erst wenn diese Punkte geklärt sind, kann die Gestaltung des Workshops beginnen. Anhand dieser Erwartungen können Kreativitäts-Techniken, Methoden und Werkzeuge ausgewählt werden, um das Erreichen des gewünschten Ergebnisses bestmöglich zu unterstützen. Die Zusammenstellung ist für jeden Workshop individuell und muss jedes Mal aufs Neue zugeschnitten werden.

Anzahl der Ideen?
Die Frage nach der zu erwartenden Anzahl an kreativen Ideen klingt vielleicht zunächst etwas eigenartig. „Je mehr, desto besser.“ Oder? Eher nicht. Es ist nämlich tatsächlich relativ einfach, viele Ideen zu erzeugen. Auch wenn man das so selten jemanden sagen hört. Es gibt eine Vielzahl an Kreativitätstechniken, mit denen Teilnehmer:innen relativ leicht Ideen entlockt werden können. Mit manchen sogar ziemlich viele in ziemlich kurzer Zeit. Mit der 6-3-5 Brainwriting Methode entstehen beispielsweise in 30 Minuten direkt 108 Ideen (6 Teilnehmer:innen erstellen in 6 jeweils 5-minütigen Runden jeweils 3 Ideen). Wenn im Workshop dann auch mehrere Gruppen parallel arbeiten, entstehen in einer halben Stunde schnell mal 216 oder gar 324 Ideen. Mit so vielen Ideen sind wir der Lösung unserer Herausforderung aber nicht wirklich signifikant nähergekommen. So viele Ideen können fast zur gleichen Handlungsunfähigkeit führen wie gar keine Idee. Daher muss man im Workshop nicht nur Techniken zum Erzeugen einer (größeren) Menge an Ideen einsetzen (Divergieren), sondern auch Techniken zum Auswählen von Ideen (Konvergieren). Schau dir hierzu auch unseren Beitrag „Priorisieren in Workshops – Wer zuerst kommt …“ an. Denn natürlich sind bei einer größeren Menge an Ideen, auch welche dabei, die bei genauerer Betrachtung vielleicht nicht die besten sind.
Dennoch ist es wichtig, die Erwartung an die Menge der Ideen abzustimmen. Sollen die Teilnehmer:innen am Ende eine sehr kleine Menge an Ideen abliefern (1-4), hinter der sie aber (mehr oder weniger) geschlossen auch stehen? Oder soll lieber eine größere, aber dennoch übersichtliche Anzahl Ideen geliefert werden (5-15), die dann aber in weiteren Arbeitsschritten zunächst noch weiter (aus-)sortiert werden müssen.

Detailgrad der Ideen?
Ebenfalls ist es wichtig zu wissen, wie stark die Ideen schon ausgearbeitet sein sollen. Stell dir vor, ein großer Baumarkt möchte einen Innovation Workshop durchführen, in dem mögliche neue Geschäftsideen für Produkte oder Dienstleistungen erarbeitet werden sollen. Eine mögliche Idee wäre dann z.B. „Ein Marktplatz für Do-It-Yourself Bauanleitungen. Von Kunden, für Kunden.“ Ideen mit diesem Detailgrad bzw. auf dieser Flughöhe können in einem Workshop jede Menge erarbeitet werden. Damit diese Idee gut bewertet werden kann oder gar direkt umgesetzt werden kann, müssen aber noch jede Menge Fragen geklärt werden. Wie sieht so ein Marktplatz für Kunden aus? Wie können dort DIY-Anleitungen angeboten werden? Wer darf dort etwas anbieten? Was kostet eine DIY-Anleitung? Wie groß ist der Anteil am Verkaufspreis für den Anbieter? Muss ich registrierter Kunde zum Anbieten und/oder Kaufen sein? Welche Auswirkungen auf unser Business erwarten wir von dem Marktplatz. Und viele, viele weitere Fragen mehr. Jede Antwort konkretisiert die Idee und bringt sie näher an eine mögliche Umsetzung. Natürlich kann nicht jede dieser Fragen im Rahmen eines einzigen Workshops umfassend beantwortet werden. Dennoch ist es wichtig zu wissen, ob die Ideen schon weiter ausgearbeitet sein sollen oder ob ein hohes Abstraktionsniveau ausreicht. In der Regel haben wir die Wahl, entweder eine größere Anzahl an Ideen mit wenig Details zu erarbeiten oder eine geringe Anzahl an Ideen, die dann aber schon weiter ausgearbeitet sind.

Erlaubter ”Level of Craziness”?
Es ist wichtig, im Vorfeld eines Creativity & Innovation Workshops abzufragen, wie „verrückt“ die erarbeiteten Ideen sein dürfen. Wie weit dürfen die Ideen z.B. vom aktuellen Business entfernt sein? Kann auch über eine ganz neue Geschäftsidee nachgedacht werden oder sollen die Vorschläge lieber nahe am aktuellen Business bleiben. Sind Ideen (in der aktuellen Situation) auch dann interessant, wenn die Umsetzung kostenintensiv und zeitaufwendig ist? Sind nur Ideen erlaubt, die bereits eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit haben, weil sie z.B. schon bei Wettbewerbern ähnlich umgesetzt wurden oder in einer anderen Branche funktionieren? Oder sind wir bereit für echte Disruption und gehen auch Ideen an, die bisher noch niemand angegangen ist? Wie auch bei den bisherigen Fragen gibt es hier keine richtigen und keine falschen Antworten. Es kommt eben immer darauf an, in welcher Situation die Ideen erarbeitet werden sollen. Es ist aber wichtig zu wissen, was von den Teilnehmer:innen eines Workshops erwartet wird. Mit der Auswahl der richtigen Kreativitäts-Techniken, Methoden und Werkzeuge können wir jeden „Level an Craziness“ erreichen. So können wir z.B. mit Force-Fit-Methoden zunächst unsinnig oder verrückt erscheinende Kombinationen einzelner Ideen erzwingen, die sich dann aber ggf. als richtig gute Lösung herausstellen. Ohne den (sanften) Zwang im Workshop wäre es aber nie zu dieser Kombination gekommen.

Wirtschaftliche Aspekte berücksichtigen?
Sollen bei den Ideen im Workshop wirtschaftliche Aspekte direkt mitberücksichtigt werden? Oder können sich die Teilnehmer:innen zunächst auf die inhaltliche Ausgestaltung der Idee konzentrieren. Auch diese Frage hängt stark mit dem Detailgrad der Ideen und auch mit dem erlaubten „Level of Craziness“ zusammen. In der Regel empfehlen wir in frühen Workshops die wirtschaftlichen Aspekte zunächst nicht zu betrachten. Viel zu oft werden Ideen direkt im Keim erstickt, weil ihre Umsetzung zu teuer ist oder zu lange dauert. „Das verträgt sich nicht mit dem Quartalsergebnis.“ Irgendwann müssen natürlich aber auch die wirtschaftlichen Aspekte berücksichtigt werden. Aber hier sollte die Betrachtung dann nicht zu kurzsichtig sein. Denn echte Innovation wird nicht in einem Quartal erzeugt. Sie braucht deutlich mehr Zeit und kostet meist auch erst mal richtig Geld, bevor sie zum (finanziellen) Erfolg führt. Ideen, die super innovativ sind, deren Umsetzung schnell und günstig zu machen ist und die sofort großen Gewinn abwerfen, sollten dir auf jeden Fall suspekt sein.

Hidden Agendas?
Für eine gute Planung und Gestaltung eines Workshops, ist es wichtig zu wissen, ob neben den inhaltlichen Zielen weitere Erwartungen an den Workshop gestellt werden. Manchmal soll ein Workshop z.B. auch als Teambuilding-Maßnahme genutzt werden. Oder der Workshop soll zur Schlichtung von Konflikten zwischen mehreren Parteien genutzt werden. Natürlich kann man berechtigt darüber diskutieren, ob eine solche Vermischung von Erwartungen überhaupt eine gute Idee ist, oder ob lieber jedes Ziel separat angegangen werden sollte. Wie auch immer die Erwartungshaltungen sind, sie sollten auf jeden Fall vor der Planung des Workshops offen ausgesprochen werden. Nicht zwangsläufig gegenüber den Teilnehmer:innen, aber das Orga-Team und die Moderator:innen sollten sich der Ziele bewusst sein. Niemandem ist geholfen, wenn solche zusätzlichen Erwartungen versteckt mitschwingen und so nicht explizit angegangen werden.

Kein Wunschkonzert!
Wie bereits mehrfach erwähnt, können die genannten Punkte nicht völlig unabhängig voneinander betrachtet werden. Zudem haben alle Auswirkungen auf den zeitlichen Umfang eines Creativity & Innovation Workshops. Auftraggeber:innen haben somit kein Wunschkonzert. So können sie z.B. in einem Halbtages-Workshop nicht eine große Anzahl an Ideen bekommen, die alle schon ausdetailliert und initial wirtschaftlich evaluiert sind. Noch dazu von einer Gruppe an Teilnehmer:innen, die zwar noch nie miteinander gearbeitet haben, sich dafür aber nicht leiden können. Alle oben genannten Punkte müssen unbedingt geklärt werden, bevor mit der Gestaltung des Workshops begonnen werden kann. Es ist aber vieles möglich. Weit mehr, als viele sich vorstellen können. Für jede (sinnvolle) Erwartungshaltung können geeignete Kreativitäts-Techniken, Methoden und Werkzeuge ausgewählt werden sowie ein konkreter Ablaufplan erstellt werden, der die Zielerreichung ermöglicht.
Marcus

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