Gefühlt sind 80% der Meldungen in LinkedIn und auf ähnlichen Plattformen zum Thema KI. Dabei wird KI entweder als das Allheilmittel aller unserer Probleme angepriesen oder KI zum Endgegner unserer Wirtschaft oder gar der Menschheit gemacht. Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendein neues Tool vorgestellt wird, das man unbedingt nutzen muss, sonst ist man „aus dem Business“. Dazu gibt es weitere Artikel, die uns mehr oder weniger auslachen, wenn wir „immer noch“ mit dem (2 Monate) „alten“ KI-Tool oder KI-Model arbeiten. Oder irgendein Fortune 500 CEO kündigt an, „alles“ auf KI umzustellen (und entlässt tausende Mitarbeiter:innen). Auf der aktuellen Hype-Spitze befinden sich gerade „AI Agents“. Du weißt bestimmt genau, wie diese Meldungen aussehen. Hier einige Beispiele:
- “Probably, in 2025 we at Meta […] are going to have an AI that can effectively be a sort of mid-level engineer that you have at your company that can write code.” – Marc Zuckerberg, CEO of Meta
- “AI has the potential to be more transformative than electricity or fire.” – Sundar Pichai, CEO of Google
- “AI is going to be the key to understanding and solving many of the world’s most complex problems.” – Satya Nadella, CEO of Microsoft
- “AI is going to reshape every industry and every job.” – Reid Hoffman, Co-founder of LinkedIn
- “AI will not replace humans, but those who use AI will replace those who don’t.” – Ginni Rometty, Former CEO of IBM
- “AI agents will become the primary way we interact with computers in the future. They will be able to understand our needs and preferences, and proactively help us with tasks and decision making.” – Satya Nadella, CEO of Microsoft
- “By 2024, AI will power 60% of personal device interactions, with Gen Z adopting AI agents as their preferred method of interaction.” – Sundar Pichai, CEO of Google
- „Klarna Bank ersetzt mehr als die Hälfte seiner 5.000 Mitarbeiter durch Künstliche Intelligenz“ – Merkur.de
Wer steckt hinter all diesen Vorhersagen und warum?
Die vielen Aussagen zur KI entstehen natürlich nicht zufällig und nicht ohne Zielsetzung. Vielmehr können wir sehr unterschiedliche Interessensgruppen ausmachen, die Prognosen raushauen und damit jeweils ihre Ziele verfolgen:
- Unternehmen wollen ihre eigene Technologie anpreisen und sich damit als Marktführer und Technologieführer mit besonders wertvollen Produkten positionieren.
- Unternehmen wollen ihre steigende Effizienz betonen und damit besonders attraktiv auf Aktionäre wirken.
- Institutionen oder Personen wollen vor dem steigenden Einfluss von KI warnen, vor allem aus wirtschaftlicher, ethischer oder volkswirtschaftlicher Perspektive.
- Institutionen oder Personen wollen davor warnen, dass Unternehmen oder ganze Staaten den Anschluss verlieren werden, wenn sie sich nicht viel intensiver mit KI auseinandersetzen.
- Personen oder Berater wollen möglichst Kompetenz ausstrahlen durch präzise scheinende Vorhersagen, um sich als Meinungsführer zu positionieren.

Verkürzte und pointierte Schlagzeilen und Zitate ziehen. Leider. Es ist vergleichbar zu Börsennachrichten: Dort werden mittlerweile in Echtzeit und automatisiert Artikel und Aussagen veröffentlicht mit Titeln wie „Jefferies belässt SAP auf ‚Buy‘ – Ziel 300 Euro“, die auch total konkret und informiert erscheinen, aber eine unfassbar kurze Halbwertszeit haben. Auch wenn im Börsenumfeld längst klar und sogar beweisbar ist, dass solche Aussagen meist nur zufällig richtig sind, erreichen sie trotzdem eine große Leserschaft.
Was heißt das für Unternehmen?
Wie sollten Unternehmen auf diese Aussagen reagieren? Die Antwort ist zunächst erst mal ganz einfach: Unternehmen sollen sich vor allem davon nicht verrückt machen lassen. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Wie (fast) immer gilt auch hier: Es kommt drauf an („it depends“). Unternehmen sollten weder blind und unreflektiert irgendwelchen Trends hinterherrennen, noch sollten sie diese Trends prinzipiell ignorieren. Vor allem sollten Unternehmen aber nicht denken, dass sie einfach immer so weitermachen könnten.
Alle Unternehmen, egal in welcher Branche, müssen die nötige Kompetenz aufbauen, um einschätzen zu können, welchen Einfluss KI auf ihr konkretes Business hat. In einigen Branchen wird sich das Business 100%ig drastisch ändern, in anderen Branchen hat KI vielleicht nur einen geringen Einfluss.
Was sollten Unternehmen konkret machen:
- Fokus auf das Kern-Business: Unternehmen müssen unterscheiden, ob es um das eigene Kern-Business geht oder um Unterstützungsprozesse: Nur für das Kerngeschäft lohnt es sich wirklich, eigene, umfangreichere KI-Lösungen zu bauen und damit Geschäft zu machen. Bei den Unterstützungsprozessen wird sehr wahrscheinlich ein anderes Unternehmen sehr gute Lösungen entwickeln (als sein Kern-Business), und das kann dann eingesetzt werden.
- Tiefe Kompetenz aufbauen: Es reicht für ambitionierte Unternehmen nicht, grob über KI Bescheid zu wissen. Sie müssen tiefe technische Kompetenz aufbauen, sonst reicht es nicht aus, um Trends und Entwicklungen wirklich beurteilen zu können. Das heißt aber nicht, dass jedes Unternehmen Basismodelle trainieren können muss.
- Umsetzungsgeschwindigkeit erhöhen: Wegen der großen Dynamik im Umfeld von KI ist es nötig, dass Unternehmen nicht wie früher üblich jahrelangen Vorlauf brauchen, um etwas zu überlegen, zu starten und umzusetzen. Der Zeitraum muss auf wenige Monate verkürzt werden, und diese Dynamik muss sich durch das ganze Unternehmen ziehen (Entwicklung, Marketing, Verwaltung, Vorstand, …).
- Konkreten und vermittelbaren Nutzen für Kunden erzeugen: Es geht nicht darum „was mit KI zu machen“. Es geht darum, anständigen Mehrwert für Kunden zu schaffen und dabei gerne von den Vorteilen von KI zu profitieren. Siehe dazu auch unsere beiden Artikel Mehr KI braucht mehr Digital Design. Und nicht weniger! und KI inside: Aufs Etikett oder doch besser auf den Beipackzettel?
- Richtige technologische Ebene finden: Die allermeisten Unternehmen wären heute schon nicht in der Lage, KI-Modelle mit dem aktuell verfügbaren Umfang zu trainieren. Weder ökonomisch noch hinsichtlich der Expertise. Deshalb ist es nötig, auf der richtigen technologischen Ebene aufzusetzen und damit Mehrwert zu schaffen. Dies kann vor allem durch geschicktes und kreatives Nutzen vorhandener Technologien gelingen. So wird genutzt, was andere schon gut gemacht haben und entweder kommerziell oder sogar frei anbieten.
Niemand kennt die KI-Zukunft genau
Unternehmen sollten die aktuellen KI-Entwicklungen genau im Auge behalten, aber nicht gleich alles glauben, was gesagt wird. Über KI wird nämlich schon sehr lange, sehr viel gesagt, und viele haben mit ihren Vorhersagen auch schon drastisch danebengelegen. Hier einige amüsante Beispiele:
- “Machines will be capable, within twenty years, of doing any work a man can do.” – Herbert Simon (1965)
- “The summer vision project is to construct a significant part of a visual system.” – MIT AI Lab Memo (1966)
- “In from three to eight years we will have a machine with the general intelligence of an average human being.” – Marvin Minsky (1970)
- “Natural language understanding is just around the corner.” – Various (1980s)
- “Expert systems will soon replace doctors.”, Various (1980s)
- “Machines will attain human-level intelligence by the year 2000.” – Hans Moravec (1988)
- “By 2020, we’ll have full immersion virtual reality and self-driving cars will be everywhere.” – Ray Kurzweil (1999)

Wenn du eine weitere Aussage zu KI kennst, die nicht gut gealtert ist, dann schreibe sie bitte in die Kommentare.
Matthias & Marcus

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