In Creativity & Innovation Workshops sollen Ideen für neue Features, Produkte oder Services erarbeitet werden. Leider finden solche Workshops meist nicht regelmäßig statt, sondern sind seltene Ausnahmen. Wenn Arbeiten im Normalbetrieb nicht ausreicht, um die gewünschten Ergebnisse zu liefern, dann wird eben ein Workshop angesetzt. Oft kommt dann sogar eine größere Runde an Teilnehmer:innen zusammen, um endlich für Fortschritt zu sorgen. Die Organisator:innen und Moderator:innen des Workshops stehen damit aber vor einer echten Herausforderung, denn bei den Teilnehmer:innen hat sich oft schon jede Menge Frust angestaut und dazu kommt noch der Erwartungsdruck „von oben“.
Wir haben für solche Situationen eine einfache Kreativitätstechnik, mit der wir diese „schlechte Ausgangssituation“ sogar zum Vorteil für den Einstieg in Workshops nutzen. Wir nennen sie „Schiri“ (English: „Referee“).

Alle werden zum Schiri ernannt
Es tut allen im Workshop gut, wenn sie ihre angestaute Frustration erst mal so richtig rauslassen können. Und wenn wir vom Fußball eins wissen, dann dass zwar 22 Spieler:innen auf dem Feld stehen, aber 50.000 Schiedsrichter:innen (und Trainer:innen) im Publikum sitzen. Und die sehen alles. Vor allem, alles, was schlecht läuft: jedes Foulspiel, jeden schlechten Spielaufbau, jede unglückliche Auswechslung, jede vergebene Chance, … einfach alles. Außerdem beobachten sie auch sehr genau den Gegner und da fällt ihnen alles auf, wenn der was besser kann: „So macht man’s – wenn man gut ist, nicht wie wir!“.
Wir alle haben die Eigenschaft, viel besser negative Dinge schnell und gut zu erkennen als positive. Wir merken schnell, was schlecht läuft. Das ist ganz normal und einfach nur menschlich. Wir wissen zwar vielleicht nicht direkt, wie es besser ginge, aber das Problem können wir ziemlich gut benennen. Und diese Fähigkeiten nutzen wir im Workshop zu unserem Vorteil und ernennen alle Teilnehmer:innen zu Schiris.
Die Kreativitätstechnik ist ganz einfach. Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer bekommt einen Stift und eine größere Menge an roten und gelben Karten. Achtet darauf, dass jeder Stift richtig gut schreibt. Schlecht schreibende Stifte sind die Hölle. Das hassen alle und es kostet nur Zeit und Nerven, wenn ihr im laufenden Workshop nach besseren Stiften suchen müsst. Am besten nehmt ihr einen schwarzen Stift, damit man den Text auf den roten und gelben Karten gut lesen kann. Der Stift sollte auch nicht zu dünn sein. Eine Spitze von 2-3 mm, also ein üblicher „Edding“ ist optimal. Als Karten könnt ihr gängige Moderationskarten verwenden. Nicht zu klein, z.B. 9x20cm. Diese Größe ist in jedem Standard-Moderationskoffer sowohl in Rot als auch in Gelb enthalten.
Die Aufgabe der Teilnehmer:innen ist jetzt ganz einfach: Verteilt als Schiedsrichter gelbe Karten und rote Karten für alles, was nicht gut läuft.

Gelbe Karten für Suboptimalitäten
Gelbe Karten werden im Fußball an Spieler:innen vergeben, die zwar eine ernsthafte Regelverletzungen begangen haben, die aber noch nicht so schwerwiegend ist, dass sie zu einem Platzverweis führt. Die Spieler:innen können somit zunächst noch weiter am Spiel teilnehmen.
Dieses Prinzip nutzen wir auch im Workshop. Jede:r Teilnehmer:in soll alles auf eine Gelbe Karte schreiben, was nicht gut läuft und bitte geändert werden sollte. Aber auch wenn es suboptimal ist, was auf einer gelben Karte steht, es ist noch nicht so schlimm, dass es eine ernste Bedrohung ist. Das kommt auf die roten Karten.
Die genaue Aufgabenstellung solltet ihr als Moderator:in unbedingt auf eine Folie (o.Ä.) schreiben, so dass alle Teilnehmer:innen sie immer lesen können. Die genaue Formulierung solltet ihr sauber ausarbeiten und genau auf das jeweilige Workshop-Ziel ausrichten.

Rote Karten für ernste Bedrohungen
Rote Karten werden im Fußball bei schwerem Foulspiel vergeben. Die betroffenen Spieler:innen müssen sofort den Platz verlassen und dürfen nicht mehr am Spiel teilnehmen.
Im Kontext des Workshops werden die Punkte auf rote Karten geschrieben, die eine ernsthafte Bedrohung darstellen. Wenn diese Punkte nicht behoben werden, dann passiert etwas Schlimmes. Sie müssen somit unbedingt angegangen werden, sonst gibt es drastische Konsequenzen.
Achtet darauf, dass auf jede Karte immer nur genau ein Punkt geschrieben wird. Sowohl auf gelbe als auch auf rote Karten. Außerdem sollte auf die Karten tatsächlich das beobachtete Problem geschrieben werden und nicht schon direkt ein Lösungsvorschlag. Beachtet dies bei der Formulierung. In dieser Workshop-Phase sind wir noch vollständig im Problemraum. Der Lösungsraum wird noch früh genug betreten.
Die Probleme sollten auch sachlich und neutral beschrieben werden. Es geht nicht darum, irgendjemanden persönlich anzugreifen. Denn denkt daran, keiner mag schlechte Schiedsrichter und mit den Konsequenzen möchte auch keiner umgehen. Denn „Schiri, wir wissen, wo Dein Auto steht.“
Außerdem sollen die Teilnehmer:innen immer direkt ihre soeben beschriftete Karte weitergeben. Sie sollen nicht erst mal eine Menge ansammeln und diese dann geschlossen abgeben.

Karten laut vorlesen und gut sichtbar aufhängen
Achtet darauf, dass ihr als Moderator:in die Karten für alle gut sichtbar aufhängen könnt. Wenn ihr eine Metaplanwand habt, dann könnt ihr sie dort gut anpinnen. Das ist unserer Meinung nach der Optimalfall. Ihr solltet euch aber viele gute Pins bereithalten. Oder ihr habt eine magnetische Wand, dann braucht ihr aber jede Menge Magnete. Denn es werden ziemlich viele Punkte zusammenkommen. Oder ihr befestigt die Karten an einer freien Fläche z.B. mit Klebepads (z.B. „UHU Patafix“). Auch davon solltet ihr als Moderator:in aber jede Menge vorbereiten. Achtet darauf, dass ihr genug Platz habt, denn erfahrungsgemäß kommen eine Menge Karten zusammen. Plant mit der Fläche von 2 Metaplanwänden.
Sobald ihr als Moderator eine gelbe oder eine rote Karte von einer Teilnehmer:in erhalten habt, lest diese laut vor, so dass es wirklich alle anderen hören und sagt die jeweilige Farbe dazu, bevor ihr sie an die Wand heftet. Auf diese Art könnt ihr verhindern, dass die gleiche Sache mehrfach aufgeschrieben wird. Damit das auch wirklich gut funktioniert, bittet die Teilnehmer:innen explizit darum, ihre Karten so zu beschriften, dass ihre Schrift auch gut gelesen werden kann. Vor allem, von anderen. Außerdem sollten sie darauf achten, dass nicht nur ein oder zwei Schlagworte auf der Karte stehen. Es sollte klar werden, worum es genau geht. Wir nutzen gern die Formulierung: „Schreibt euere Punkte bitte so auf, dass ihr selbst in 3 Monaten noch wisst, was ihr damit sagen wolltet.“
Je nach Frequenz des Karteneingangs, könnt ihr als Moderator:in die Karten gleich zu inhaltlichen Gruppen zusammenstellen. Achtet aber darauf, dass ihr damit nicht den Betrieb aufhaltet. Sortieren könnt ihr immer noch im Nachgang. Es geht jetzt um erst mal um Masse.

45 Minuten später ist der Druck raus
Inklusive der Erklärung der Schiri-Kreativitätstechnik könnt ihr dafür ca. 45 Minuten einplanen. Quasi eine Halbzeit. Erfahrungsgemäß ebbt die Kartenflut nach ca. 20 Minuten etwas ab. Gebt euch damit aber nicht direkt zufrieden. Es kommt (fast) immer eine zweite Welle. Und es lohnt sich, darauf zu warten. Motiviert die Teilnehmer:innen, dranzubleiben und weiter nachzudenken. Auch wenn es zunächst mal nach Flaute aussieht, haltet durch.
Ihr werdet schnell feststellen, dass die Teilnehmer:innen richtig gute Punkte finden und beschreiben können. Wie schon gesagt, oft haben sich diese Punkte über einen längeren Zeitraum angestaut, und jetzt haben die Teilnehmer:innen ein Ventil, um sie endlich mal laut rauszulassen. Es hilft auch, zu sehen und zu hören, dass man nicht als Einzige:r diese ganzen negativen Punkte sieht. In vielen Punkten wird man bestätigt. Andere Punkte erfährt man erst jetzt und stimmt ihnen zu. Wenn erst mal alles raus ist, ist die Stimmung dann direkt viel besser. Alle sind jetzt bereit, die Probleme anzugehen und gemeinsam im Workshop kreative Lösungsideen zu erarbeiten. Die Probleme konkret benennen zu können, ist ein erster wichtiger Schritt zu deren Lösung. Leider wird oft viel zu überhastet an Lösungen gearbeitet, obwohl das Problem noch gar nicht richtig erkannt und verstanden wurde.
Es gibt viele Kreativitätstechniken, die ausnutzen, dass wir negative Dinge gut finden können. Unserer Erfahrung nach hilft die Fußball-Analogie mit den gelben und roten Karten den Teilnehmer:innen, eine erste, einfache Priorisierung der Dinge vorzunehmen. „Ist das wirklich ein Platzverweis, oder reicht hier auch gelb?“ „Gelb reicht hier nicht. Ganz klar: rote Karte.“ Auch Teilnehmer:innen, die sich mit Fußball nicht auskennen oder das zumindest behaupten, kommen sehr gut mit der Methode klar.
Wer sich gerne noch einmal über gelbe und rote Karten informieren (oder amüsieren) möchte, dem möchte ich die „Schlacht von Nürnberg“ von der WM 2006 ans Herz legen. Portugal und Holland treffen im wahrsten Sinne des Wortes im Achtelfinale aufeinander. Mit 16 gelben Karten und 4 roten Karten in einem einzigen FIFA Spiel ist es immer noch der absolute Rekordhalter in dieser Disziplin.
Marcus

0 Kommentare